VI.

Die Romantik

 

Bei der Forschung nach dem Nixenmotiv in der Literatur ist das größte Gewicht ohne Zweifel auf die Romantik zu legen. Die Poetisierung der Elemente hatte nämlich hier ihren größten, in anderen Epochen nie gesehenen Aufschwung. Die literarische Interesse an den Gestalten der niederen Mythologie und die gleichzeitigen naturphilosophischen Ansichten haben viele Autoren veranlaßt, die Geheimnisse jener Märchenwelt dichterisch zu verwerten. Es finden sich unter den romantischen Dichtungen so viele, die dieses Thema variieren, daß ich darauf verzichten muß, auf alle in ihren Einzelheiten einzugehen. Ich versuche deshalb die wesentlichsten in diesem Kapitel zusammenzufassen. Das wichtigste und schönste romantische Undine-Werk, von F.de la Motte Fouqué verfaßt, werde ich im nächsten Kapitel ausführlicher behandeln.

Womit kann die bisher unerhörte Freude an der Wiederbelebung der Elementargeister in der Romantik erklärt werden?

Es haben mehrere naturphilosophischen Strömungen auf die Dichtkunst der Zeit gewirkt. Es kamen Schriften von alten Mystikern, unter anderem die von Paracelsus und Böhme (s. Kapitel III.) wieder zu Ehren. Schellings Naturphilosophie weist zum Beispiel einige Züge aus der von Böhme auf: auch er sieht alles Einzelne in seiner ihm innewohnenden Allgemeinheit und strebt danach, überall in der Natur die Harmonie des Gegensatzes zu suchen. Nach ihm sei die Natur der sichtbare Geist und der Geist die unsichtbare Natur. "Natur und Geist, einst durch die Spekulation getrennt, sind nun wieder vereinigt; daher ist auch die Schranke zwischen Natur- und Geisteswissenschaften gefallen."(19.) Er meint, daß "der wahre Philosoph die ganze Welt wie ein Poem mit dichterischem Auge ansehen"(19.) müsse. So gewinnt die Natur den phantastischen Schein, den sie in der romantischen Weltanschauung hat. Mehrere Physiker der Zeit beschäftigten sich mit der Gedanke, ein Naturepos, ein "Epos des Alls" zu schreiben. Auch die Brüder Schlegel glaubten "» in der Physik eine neue poetische Provinz« begrüßen zu können"(19.). W. Schlegel meint: "der Depoetisationsprozeß hat freilich lange genug gedauert, es ist einmal Zeit, daß Luft, Feuer, Wasser, Erde wieder poetisiert werden." (19.) Diese Worte fassen das poetische Programm der Epoche zutreffend zusammen.

Eine andere wichtige geistige Bewegung der Zeit ist auf dem Gebiet der Geognosie zu beobachten. Es handelte sich um den Streit zwischen zwei Anschauungen: dem Neptunismus und dem Vulkanismus. Der erstere hatte einen entschiedenen Vertreter in A.G.Werner zu Freiberg in Sachsen. Nach ihm seien nicht die aus dem Innern der Erde auswärts wirkenden vulkanischen Kräfte, sondern die von oben abwärts wirkenden bei der Bildung der Gebirge tätig gewesen. "Alle Quelle neuer Bildung und Bewegsamkeit liege oben, in dem noch Flüssigen, im Gewässer; der Ozean sei der eigentliche Quell aller Bildungsgeschichte der Erde." (19.) Infolge der großen Beliebtheit des Freiberger Lehrers wurden seine Lehren rasch verbreitet. Anklänge an den Wernerschen Neptunismus und an Schellings Naturphilosophie finden sich z.B. in dem Aufsatz "Naturbetrachtungen auf einer Reise durch die Schweiz" von A.L.Hülsen. Er ist besonders vom Zauber der wogenden Fluten, vom "herrlichen Wandel des Stromes" hingerissen: "Die Natur, die ewige, erhabene Göttin, in ewiger Nähe dem Menschen wandelnd, leuchtet Leben und Freude; doch nirgends so sichtbar und freundlich dem Auge als in lichte der Gewässer und in der leicht dahin schwebenden melodischen Welle"(19.). In diesen Gedanken spricht Hülsen die Naturvergöttlichung aus, ferner die Bestrebung der Naturphilosophen der Zeit, "das alte herrliche Leben und Weben im Schoße der Allmutter Natur zu verstehen"(19.).

Aus diesen naturphilosophischen Ansichten und aus dem wiedererwachten Interesse für die Geheimnisse der Märchenwelt, speziell für die Gestalten des altgermanischen Volksglaubens läßt sich also die Einführung der Elementargeister in die Poesie der Romantik erklären.

In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts erwachte in Deutschland wieder das Interesse an Feenmärchen, angeregt durch das Beispiel Frankreichs, wo vom Beginne dieses Jahrhunderts bis in die 70-er Jahre die Übersetzungen orientalischer Märchen durch Galland, Lacroix und andere viele Nachahmungen hervorriefen, und auch durch Wieland, der für die französischen Feenmärchen immer große Vorliebe hatte, was auch zahlreiche selbständige Dichtungen, Übersetzungen, Bearbeitungen und Sammlungen von ihm beweisen. Wielands Versenkung in die orientalische Märchenwelt und seine Beschäftigung mit Shakespeare, Chaucer, Pope bereicherte die deutsche Literatur mit dem "Oberon", wodurch die Geister der Luft, die Elfen und Sylphen wieder populär wurden.

Die Shakespeareschen Luftgeister und Elfen hatten auch auf den äußerst produktiven Theaterschriftsteller K.F.Hensler eine große Wirkung. 1798 bearbeitete er z.B. Shakespeares "Sturm" zu einer heroisch-komischen Oper. Ebenfalls im Jahre 1798 ließ er "Das Donauweibchen" und dazu als Seitenstück "Das Waldweibchen" (1800.) erscheinen. Seine Vorlage könnte die Erzählung von Chr.Aug.Vulpius gewesen sein aus dem Jahre 1795: die "Saalnixe", die Vulpius später mit dem Titel "Hulda, das schöne Wasserfräulein" /1800./ und "Hulda oder die Nymphe der Donau" wieder bearbeitet hat.(vgl 19.)

Durch sein berühmtes Volksmärchen "Das Donauweibchen" wurde Hensler weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt und beliebt, und das Werk war durch Jahrzehnte ein gern gesehenes Stück vieler Bühnen Deutschlands.

Ritter Albrecht von Waldsee wirbt um Berta, des edlen Hartwig von Burgau Tochter, gemäß der Vereinbarung der Väter auf einem Nürnberger Turniertage. Hulda, die Nixenkönigin der Donau, welche mit dem Brautwerber vor einigen Jahren eine Liebesbeziehung hatte, erscheint in verschiedenen Verkleidungen, mehrmals auch in der Begleitung der vierjährigen Lilli, der Frucht jener Verbindung. Sie will die Werbung Albrechts zwar nicht verhindern, sie wünscht nur, daß er das Kind zu sich nehme und daß er drei Tage im Jahre bei ihr, seinem Wasserliebchen verbringe. Hulda will sich aber auch Bertas Diskretion gegenüber Albrecht versichern. Sie prophezeit ihr glückliche Tage an der Seite ihres zukünftigen Gatten, der sich bis auf drei Tage im Jahr nie mehr von ihr entfernen würde, sie müsse dafür aber Mutter eines Kindes werden, dessen Vater unbekannt sei. Berta muß ihr schwören, von dem Gehörten nichts zu entdecken. Am Hochzeitstage erfüllen sich die angekündigten Ereignisse. Albrecht bekommt von Hulda auch einen Ring, mit dessen Hilfe er sie jederzeit rufen kann. Albrecht kämpft wegen des Ehebruchs bald mit großen Gewissenbissen, während Berta immer argwöhnischer wird. Endlich gesteht der Ritter sein Verhältnis zum Wasserweibchen und wirft den Ring in die Fluten. Nun muß Hulda den Wortbrüchigen bestrafen. Berta wird von einem Blitz getroffen, wodurch Albrecht und auch der alte Vater in tiefe Trauer versetzt werden. Später verzeiht aber das Donauweibchen dem Ritter und ermöglicht ihm die Wiedervereinigung mit Berta, die sich inzwischen in Huldas Wasserreich von dem Unfall wieder erholt hat.(vgl.19.)

Das Donauweibchen erscheint hier nicht als geschwänzte Nixe, sondern als eine menschliche Jungfrau. Sie bezaubert den Ritter einmal durch ihre schöne Gestalt, einmal durch ihren verführerischen Gesang. Den Gesetzen der Geisterwelt ist auch sie unterworfen: sie darf z.B. nur beim Vollmond erscheinen, muß den Namen Gottes im Gespräch vermeiden usw. Die Liebes-verbindung mit dem Ritter ist hier nicht mit einem Erlösungsbedürfnis oder mit der Beseelung verbunden, sondern mit dem für alle Nixen charakteristischen Zug, daß sie gerne mit Menschen verkehren. Daraus kann auch erklärt werden, daß sie gegen die Eheschließung Albrechts mit Berta keine Einwendung macht und auch für seine Seelenkämpfe wegen des Ehebruchs wenig Verständnis hat.

Hensler hat zum Werk auch eine Fortsetzung geplant, deren erster Teil 1803 mit dem Titel "Die Nymphe der Donau" erschienen ist. Zur Erscheinung des angekündigten zweiten Teils ist es aber nicht mehr gekommen.

Um die Wende des Jahrhunderts schrieb C.H.Spieß den "Hans Heiling", in dem viele interessante Mitteilungen, das Leben der Elementargeister der vier Regionen betreffend, zu finden sind. ("so werden z.B. die warmen Bäder als Zwitterkinder der Wasser- und Feuergeister, die Sauerbrunnen als noch stärker vermischte Wesen bezeichnet."(19.))

Ludwig Tieck hat sich den Elementargeistern schon in seiner Jugendzeit zugewendet. Seine Vorliebe für die Shakespeareschen Elfengeister ist kennzeichnend für seinen Charakter. Oberon, Titania und Puck beschäftigten den jugendlichen Dichter schon in der Gymnasialzeit bei seinem ersten dramatischen Versuche "Die Sommernacht von 1789". 45 Jahre später zeigen uns die Märchennovellen "Die Vogelscheuche" und "Das alte Buch" daß der Dichter in dem Elfenreiche zu Hause ist. Eine für uns viel wichtigere Leistung von ihm ist aber die wiederbelebung der Melusinensage wegen der inneren Verwandschaft mit der Undinendichtung. Im Jahre 1800 erschien in den "Romantischen Dichtungen" die "Sehr wunderbare Historie von der Melusina", der wahrscheinlich ein Volksbuch ("Von der schönen Melusina, einer Meerfey" /1772./) zugrunde gelegen hat. Die im Werk erscheinenden Schwestern Melusina, Meliora und Plantina sind wahrscheinlich Verkörperungen der Elemente Wasser, Luft und Erde. Im Jahre 1801 entwarf er den Plan zum Schauspiel "Das Donauweib", das aber trotz des großen Beifalls der Zeitgenossen ein Fragment geblieben ist.

E.T.A.Hoffmanns Erzählung "Der Elementargeist", die uns in das Reich der Feuergeister führt, soll vielleicht auch nicht unerwähnt bleiben, sowie seine Oper "Undine", deren Text auf der Grundlage der gleichbetitelten Fouquéschen Märchen (s. Kapitel VII.) beruht.

Bei Achim von Arnim finden wir eigentümliche Weiterbildungen der Staufenberger Melusinensage. Arnim hat die Sage in der Bearbeitung Fischarts kennengelernt (s. Kapitel II.) und hat sie gleich dreimal dichterisch verwertet: In ihrem Umfang stark konzentriert hat er die Staufenbergsage in "Des Knaben Wunderhorn" aufgenommen. Die zweite Fassung der Sage stützt sich auf die Ausgabe einer Straßburger Handschrift (1823) durch Chr.M Engelhardt, der Hartmann von Aue als Verfasser des Gedichtes nennt. Schließlich erscheint das Thema auch in seiner "Gräfin Dolores", in der Erzählung des Mönchs Anselmo über die Abstammung der Prinzen von Palagonien auf Sizilien.

Man findet die Staufenbergsage auch in den "Deutschen Sagen" der Gebrüder Grimm; die Geschichte "nach dem altdeutschen Gedicht Eckenbolds aus dem 14. Jahrhundert"(19.) erzählt.

Grillparzer hat 1833 das Melusinenmotiv in einer romantischen Oper für die Bühne bearbeitet ("Melusina"). Der Kern der Sage ist auch hier herauszusuchen, außerdem ist ein gewisser Einfluß von Henslers "Donauweibchen" deutlich sichtbar.

Das Melusinenmotiv findet sich einigermaßen variiert bei H.C.Andersen ("Den Lille Havfrue" /Die kleine Seejungfer/, 1837.) wieder.

Die kleine Meerprinzessin muß der bösen Wasserhexe ihre Stimme geben, um dem geliebten irdischen Prinzen in menschlicher Gestalt folgen zu können. Der Prinz behandelt die Meerprinzessin als seine liebste Freundin, hat aber vor, dem Drängen der Eltern nachgebend, die Tochter eines Nachbarkönigs zu heiraten. Die Hexe prophezeit, daß sie am ersten Morgen nach seiner Verheiratung mit der anderen Frau im Wasser verschaumen werde. Die Schwestern und sogar die alte Großmutter opfern für die Rettung der Prinzessin ihr schönes Haar, wofür sie von der Hexe ein Messer erhalten, welches die Seejungfer ins Herz des Prinzen stoßen soll, um sich zu retten. Sie kann sich zur schrecklichen Tat aber nicht entschließen. Sie stürzt sich, den Tod erwartend, ins Wasser. Das Schicksal bewahrt sie aber vor dem Untergang: sie erhebt sich aus dem Wasser zu den Geistern der Luft, die sich durch gute Taten nach dreihundert Jahren eine unsterbliche Seele verdienen können.

Neu ist der Zug, daß die Seejungfer, nachdem sie einmal menschliche Gestalt gehabt hat, nie wieder ins Wasser zurückkehren kann. Die Nachwirkung der Undinendichtung läßt sich an dem Motiv der Beseelung erkennen, welches den eigenartigen Schluß erklärt.

Clemens Brentano erwähnt die Sage vom Ritter Peter von Staufenberg und der Meerfey in der Einleitung zum "Tagebuch der Ahnfrau". Er kennt die Geschichte wahrscheinlich aus der Bearbeitung des befreundeten Arnim im "Wunderhorn", die bei ihm großen Beifall gefunden hat. Eine weitere Bearbeitung des Stoffes befindet sich im "Märchen von dem Hause Staarenberg und den Ahnen des Müllers Radlauf".

Die größte Leistung Brentanos in der Nixenliteratur ist aber ohne Zweifel die Kunstsage "Zu Bacharach am Rein"(vgl.19;20.). Er gab in seinem Gedicht dem Wasserweib, der Lore, den Namen "Lay", und bereitete damit den Grund zahlreicher Neubearbeitungen. Wahrscheinlich haben ihn die Felsen im Rhein fasziniert, den die Volkssage zuvor lediglich mit zukunftskundigen Waldschraten bevölkert hatte. In dem Bild des Riffs, welches das Schiff des Verführten mit dem Zauberlied anzieht, erscheint die Sireneninsel Homers wieder. Brentanos Blick ist jedoch nicht auf die Begegnung zwischen Wasserfrau und Menschensohn gerichtet, sondern auf den Menschen, der sich "unter seinem dichterischen Zugriff in einen Elementarwesen verwandelt"(20.)

Die Geschichte der Lore Lay ist voll mit überraschenden Wendungen ("Die war so schön und feine / Und riß viel Menschen hin."). Dem Menschen wird nicht mehr die Natur als Elementarkraft entgegengesetzt. Der Zauber besteht in der Schönheit, die Dämonie konzentriert sich auf das Ästhetische. In den oben zitierten Zeilen kommt zum Ausdruck, daß die zerbrechliche Schönheit der Lore Lay nicht von unschuldiger Natur ist. Bald stellt sich aber auch heraus, daß die Zauberin selbst eine Bezauberte und Verführte ist durch die gleiche Magie, die sie ausübt. Ihre Schönheit hat einst ihren Meister gefunden in dem einen, der sie verlassen hat und fortgezogen ist, "fort in ein fremdes Land". Die kalte Zauber der Lore Lay ist ihre Rache an alle Männer für den Verrat des einen. "Mit der grausamen Logik enttäuschter Leidenschaft läßt sie den Mann schlechthin büßen dafür, was ein Mann ihr angetan hat."(20.) Die Schönheit der Lore Lay ist tödlich, auch für sie selbst. Goethes feuchtes Weib hat seinen Fischer durch sein "eigen Angesicht" in die Tiefe gelockt; Brentanos Lore Lay verurteilt sich um ihrer Schönheit willen selbst zum Untergang. Das Bild der Narziß tritt hier also noch klarer hervor, wo das Opfer der Verführung mit der Verführerin selbst identisch geworden ist. Sie ist der Zerstörungskraft ihrer Schönheit bewußt, so daß sie nicht mehr lieben kann, nicht einmal sich selbst. Mag sein, daß ihr einstiger Auserwählter auch deshalb fortgegangen ist, um nicht am Ende selbst an dieser Schönheit zu verderben? Der "Zauberkreis" der Lore Lay ist der Wechsel von Sanftheit und Wildheit, die unlösbare Ambivalenz ihrer Gefühle* . "So hat Brentano auf seinem Rheinfelsen an Stelle der mythischen Sirene einen anderen Todesvogel angesiedelt: die unverstandene Frau des neunzehnten Jahrhunderts, die »femme fatale«”(20.).

"Die Augen sind zwei Flammen, / Mein Arm ein Zauberstab,- / O schickt mich in die Flammen, / O brechet mir den Stab!" Das Dilemma einer Schönheit, die des Todes ist, erscheint hier auch sprachlich: in der Identität der Reime. Das feurige Augenpaar sehnt sich nach dem Scheiterhaufen, ihr Arm, ihr Zauberstab nach dem Stab des Hochgerichts.* "So wird die Nixe zur Hexe, die Hexe aber zu einem Denkbild der Einsamkeit, der Vereinzelung und der Verzweiflung."(20.). Sie hat zwar nach der Glut des Scheiterhaufens verlangt, bleibt am Ende aber ihrem Urbild, dem Narziß getreu, wenn sie die drei Ritter, ihre Begleiter zum Kloster, bittet* : »Ich will noch einmal sehen /Wohl in den tiefen Rhein... « Sie begehrt, in seinen Fluten die tödliche Schönheit ihres Spigelbildes zu sehen. Sie wählt schließlich den (durch einen Schiffer symbolisierten) Tod, als den ersten, besten Geliebten: “Die Jungfrau sprach: »Da wehet / Ein Segel auf dem Rhein, / Der in dem Schifflein stehet, / Der soll mein Liebster sein!« / »Mein Herz wird so munter, / Er muß mein Liebster sein!« / Da lehnt sie sich hinunter / Und stürzet in den Rhein.” Wir können diesen Schluß besser verstehen, wenn wir an den Schönheitsekel und die Bußbereitschaft denken, die Brentano schon früh befallen hatten* . Die Wasserfrau erscheint in dieser Hinsicht beinahe als eine Erlöserin: sie bereitet dem Schiffer in seinem Kahne nicht den Tod; sie hat ihn auf sich genommen. Die drei Ritter, die ihr nachgestiegen haben, müssen ihr in den Tod folgen. In der Schlußstrophe tauchen sie aber symbolisch wieder auf: “Wer hat das Lied gesungen? / Ein Schiffer auf dem Rhein, / Und immer hat geklungen / Vom hohen Felsenstein: / Lore Lay! / Lore Lay! / Lore Lay! / Als wären es meiner Drei!” (“Die Bruchlosigkeit, mit der sich der Bericht zur Zauberformel öffnet, zeigt die Meisterschaft des Romantikers.”(20.).) Das Wort “meiner” deutet hier auf den Dichter hin. Wären es seiner drei, dann hätte er sich in jeden der drei Ritter verwandelt, die hier auf dem Dreiritterstein ihre Sehnsucht nach der Lore Lay mit ihrem Leben bezahlen müssen. Die dämonische Dreifaltigkeit kann sich außerdem auch auf den Schiffer beziehen, der das Lied gesungen hat. Dieser Schiffer assoziiert einerseits den Tod, der einst in dem kleinen Schiff gestanden hat, andererseits ist er aber auch eine Spaltungsform des dichterischen Ichs* . Die Lore Lay-Ruf ist schließlich auch ein Echo, sozusagen ein akustisches Spiegelbild. Bei Brentano ist das Akustische immer vorrangig: “das Rauschen des Rheins, und das Rauschen des Bluts in den Adern [...] vereinigen sich zu einer Weise von Liebe und Tod.”(20.) Besonders in seinen “Klangwirkungen und Tonmalerei”(19.) zeigt sich Brentanos formaler Talent. Durch sie umfaßt und versteht er die Natur, was unter anderem auch dazu beiträgt, daß sein Stil echt volkstümlich wird.

Brentano hat die Figur der Loreley später noch mehrmals besungen. Die Zauberin wird später allmählich zur Nixe und bekommt den Namen Lurlei, Lureley. Eine spätere Behandlung des Themas finden wir auch im “Märchen vom Murmeltier”.

Seit 1805 dichtete Brentano “Italienische Kindermärchen für deutsche Kinder”, eine freie Bearbeitung der Märchen im Pentamerone des Neapolitaners Basile, wobei er sich eine Zeitlang mit Rheinmärchen beschäftigte* .

In der Rahmenerzählung von dem Rhein und dem Müller Radlauf bewohnt Frau Lureley mit ihren sieben Töchtern einen unterirdischen Saal, umgeben von sieben Kammern. Sie bewachen dort den Nibelungenhort. Wenn sie ein lautes Wort hören, antworten sie mit einem siebenmaligen Gegenruf zum Zeichen, daß sie wachsam seien.

In diesen Rheinmärchen können wir den Prozeß des Übergangs von der Märchendichtung mit Anlehnung an ein fremdes Vorbild zu eigener Erfindung im Anschluß an deutsche Volksüberlieferung beobachten.

“In der freien Verwertung und Komponierung alter deutscher Märchenmotive geht eine Art mythischer Neuschöpfung, Belebung uralter Sagenkreise vor sich; dabei schafft aber Brentano »so ganz und gar im Geiste des Volkes, daß Überlieferung und Dichtung nicht mehr zu trennen ist«.”(19.)

Der Dichter Eduard Mörike erfaßte mit seiner unübertrefflichen Phantasie die Märchen- und Wunderwelt der Elementargeister wie nur wenige vor ihm. Er belebte vor allem die Gestalten des Volksglaubens wieder. Auch Shakespeare und Goethe haben ihn in seiner Dichtung inspiriert. Zeugnisse von seiner dichterischen Fruchtbarkeit auf diesem Gebiet sind das “Stuttgarter Hutzelmännlein”, eine Erzählung aus dem Bereich der Gnomen. In diese Geschichte ist die “Historie von der schönen Lau” eingeflochten, in der eine Nixengestalt die Hauptrolle spielt.

Die Hauptheldin, eine halbmenschliche Nixentochter, wird von ihrem Mann in den Blautopf verbannt, weil sie nur tote Kinder zur Welt brachte; das kam von ihrer fortwährenden Traurigkeit. Die Schwiegermutter weissagte ihr, sie werde erst dann ein lebendes Kind gebären, wenn sie fünfmal vom Herzen gelacht habe. Unter den Elementargeister kann die schöne Wasserfrau niemand zum Lachen bewegen. Erst die Bekanntschaft mit der trefflichen Wirtin im Nonnenhofe, der dicken Frau Bertha Seysolffin, mit ihren Kindern, sowie mit dem lustigen Klosterkoche Xaver bringen den gewünschten Erfolg. Der alte Meerkönig holt sie nun wieder zurück in sein Reich. Beim Abschied verspricht sie ihren Freunden ewiges dankbares Gedenken und ihren künftigen Besuch, sobald sie “ein lebend Merkmal” in ihren Armen trage, daß sie da gelacht habe.(vgl.19.)

Die Erzählung ist eine vollständig freie Erfindung des Dichters. Zwar keinen Fischschwanz, aber eine weiße Schwimmhaut hat die Nixe zwischen den Fingern und Zehen, und wenn sie ans Land geht, ist sie immer barfuß. Sie besichtigt die für sie ungewöhnliche menschliche Umgebung bei der Wirtin mit weiblicher Neugier, besonders das eigene Spiegelbild. Ihre Figur ist mit künstlerischer Sorgfalt, meisterhaft gezeichnet, so daß das Werk auch seinen Freund, Moritz von Schwind, zur Bearbeitung des Stoffes inspiriert hat.

Außer dem “schönen Lau” hat Mörike in dem Roman “Maler Nolten”, in der Novelle “Der Schatz”, in den “Schiffer- und Nixenmärchen” und in seiner zweiaktigen Oper “Die Regenbrüder” schließlich alle vier Elemente besungen. Das Loreleimotiv variiert er im “Zauberleuchtturm”, wo des Zauberers Tochter hoch in den Lüften schwebt, in einer gläsernen Kugel singend und spinnend, und lockt die Schiffer an sich, die dann am Felsenriffe untergehen. Der Dichter folgte hier der Kunstsage Brentanos, wonach die Lore Lay eine Zauberin ist.

 

In Eichendorffs Ballade “Waldgespräch” erscheint die Nixe ebenfalls als eine Hexe von berückender Schönheit.

Es ist schon spät, es wird schon kalt.
Was reit' st du einsam durch den Wald?
Der Wald ist lang, du bist allein,
Du schöne Braut! Ich führ dich heim!
“Groß ist der Männer Trug und List,
Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist,
Wohl irrt das Waldhorn her und hin,
O flieh! Du weißt nicht, wer ich bin.”
So reich geschmückt ist Roß und Weib,
So wunderschön der junge Leib,
Jetzt kenn ich dich - Gott steh mir bei!
Du bist die Hexe Lorelei.
“Du kennst mich wohl - von hohem Stein
Schaut still mein Schloß tief in den Rhein.
Es ist schon spät, es wird schon kalt,
Kommst nimmermehr aus diesem Wald!”

Eichhendorffs Loreley spielt in diesem Gedicht die gleiche Rolle, wie ihre “Schwester” auf den Felsen in der See, obwohl sie eigentlich keine Sirene oder Wasserfrau ist. Die Ballade erfaßt den Moment der tödlichen Begegnung und prophezeit dem Mensch den Untergang. “Kommst nimmermehr aus diesem Wald!” - Was für einen Tod die Hexe für ihn vorbereitet, bleibt auch am Ende in der Schwebe.

Heinrich Heine

Loreley

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldnes Haar.
Sie kämmt es mit goldenem Kamme,
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.
Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh'.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Loreley getan.

Die Nixen

Am einsamen Strande plätschert die Flut,
Der Mond ist aufgegangen,
Auf weißer Düne der Ritter ruht
Von bunten Träumen befangen.
Die schönen Nixen, im Schleiergewand,
Entsteigen der Meerestiefe.
Sie nahen sich leise dem jungen Fant,
Sie glaubten wahrhaftig, er schliefe.
Die eine betastet mit Neubegier
Die Feder auf seinem Barette.
Die andere nestelt am Bandelier
Und an der Waffenkette.
Die dritte lacht, und ihr Auge blitzt,
Sie zieht das Schwert aus der Scheide,
Und auf dem blanken Schwert gestützt
Beschaut sie den Ritter mit Freude.
Die vierte tänzelt wohl hin und her
Und flüstert aus tiefem Gemüte:
"Oh, daß ich doch dein Liebchen wär,
Du holde Menschenblüte!"
Die fünfte küßt des Ritters Händ',
Mit Sehnsucht und Verlangen;
Die sechste zögert und küßt am End'
Die Lippen und die Wangen.
Der Ritter ist klug, es fällt ihm nicht ein,
Die Augen öffnen zu müssen;
Er läßt sich ruhig im Mondenschein
Von schönen Nixen küssen.

Heines Gestalt prägt in der deutschen Literatur schon die Zeit der Vollentfaltung und zugleich der Überwindung der Romantik. Diese Gedichte sind in seinen ersten Gedichtsbänden erschienen: seine berühmte Loreley im “Buch der Lieder” (1827), Die Nixen im Band “Neue Gedichte” (1844). Es ist besonders interessant, diese beiden Gedichte parallel zu betrachten, denn sie stellen die Figur der Wasserfrau völlig unterschiedlich dar, obwohl sie von derselben Hand stammen.

Die Loreley ist das zweite Gedicht im Zyklus “Die Heimkehr”. Die Wasserfrau steht hier wieder dem homerischen Bild der Sirenen nah, obwohl ihr Gesang hier weniger betont ist, als der Anblick, die Vision der auf dem Fels sitzenden Jungfrau. Das beweist auch die dreimalige Wiederholung des Wortes “Gold”, die sich als der Reflex des Abendsonnenscheins interpretieren läßt. “Goldnes Geschmeide, goldenes Haar, goldener Kamm, - das »Märchen aus alten Zeiten« kreist um eine recht materielle Mitte. An diesem Golde hängt alles, zumal das Lied, das die aufgeschmückte Jungfrau singt.” Sie singt lediglich “dabei” und ihr Gesang wird vom Dichter nicht in seinem Wortlaut zitiert, sondern nur beschrieben und bewertet, auch wenn die zwei Zeilen, die von dem Liede rede, “die einzigen im ganzen Gedicht sind, die das Gepräge eines lyrischen Gebildes besitzen.”(20.) Dieses “dabei” ist mit Ironie geladen, da es den Gesang der Gebärde unterordnet. Der Name Lorelei erscheint erst am Ende des Gedichts, auf das Wort “Melodei” reimend, aber nur im Innern der Reihe und nicht im Reim, “so als wäre der Name Lorelei ein Trumpf, den sich der Dichter bis ans Ende aufgespart hätte, um ihn auch da nicht auszuspielen.”(20.)

Im Gegensatz zu Brentano ist bei Heine der Dichter nicht mit dem Schiffer identisch. Während beim ersteren der Schiffer dem Sirenenfelsen entgeht, findet er bei Heine an dem Felsenriff beim Gesang der Lorelei.seinen Tod. Das distanziert seine Figur, wie auch die der Sirene, von dem Dichter. Das Gedicht ist trotzdem vom Ich des Dichters getragen: es beginnt und endet mit Ich. “Ich weiß nicht, was soll es bedeuten...”, dem entspricht die erste Zeile der letzten Strophe: “Ich glaube, die Wellen verschlingen /Am Ende Schiffer und Kahn...”

Die Ausdrücke “ich weiß nicht” und “ich glaube” spiegeln hier eine Unsicherheit wieder. Was hier mitgeteilt wird, kommt aus keiner Überzeugung und will auch nicht überzeugen. Bedeutet das auch, daß das Ich, das an der Spitze des Ganzen steht, “sich in seiner Hilflosigkeit entpuppt”(20.)? Das “Märchen aus alten Zeiten” beantwortet die Frage der Traurigkeit nicht. Es ist nicht die Ursache, sondern die Folge seiner Traurigkeit, daß er sich erinnert. “So setzt sich das lyrische Ich an erste Stelle, um sich im gleichen Atem wieder zu entkräften und [...] für unzuständig zu erklären. Damit deutet der deutsche Jude Heinrich Heine seine Stellung in der Gesellschaft seiner Zeit aufs schlagendste an.”(20.). Der bewußte Stimmungsbruch zwischen den Wörtern “wundersam” und “gewaltig” erzielt auch einen, mit den obigen im Zusammenhang stehendenVerfremdungseffekt. H. Politzer meint, hier komme ein Gefühl der Unsicherheit zum Ausdruck, und das Wissen, das “den Hintergrund dieser imaginären Schau das Nichts bildete”, das der Dichter “in tausend Farben und Formen” vor uns führt. Der Artist wäre demnach “die authentische Gestalt des Künstlerischen im Zeitalter des Nihilismus.” Ich finde aber, daß dieser Gedankengang hinsichtlich dieses Gedichts ein bißchen zu weit geht, da man darauf wortlich aus dem Gedicht nicht unbedingt schließen kann.

Wenn wir schon die Verunsicherung des dichterischen Ichs erwähnt haben, ist das spätere Schicksal des Gedichts auch bemerkenswert. Vielleicht war es eine Fügung des Schicksals, das die Person, der Name des Dichters für eine lange Zeit ganz aus der Nähe des Gedichts verschwunden ist, indem “die Machthaber des Tausendjährigen Reiches den jüdischen Verfasser dieses künstlichen Volkslieds als unbekannt erklärten und ihm dadurch eine Legitimität zuerkannten, die er nicht beanspruchte und doch als frühester Artist der deutschen Lyrik besaß.” (20.)

Ein sowohl stimmungsmäßig als auch in seiner dichterischen Aussage völlig unterschiedliches Gedicht ist “Die Nixen”, das zum Zyklus “Romanzen” gehört. Das Gedicht ist auch nichts anderes, als eine leichte Romanze, die von der melancholischen Stimmung der “Lorelei” nichts mehr hat. Es schildert die Begegnung der Nixen mit einem Menschen, obwohl diese Begegnung einseitig zu sein scheint, da der Mann “schläft”. Um eine romantische Stimmung zu erzeugen, macht der Dichter seinen Held zu einem mittelalterlichen Ritter. Das Gedicht behandelt eigentlich nur den Prozeß, als die Nixen sich ihm Schritt für Schritt nähern. Unser Blick richtet sich zuerst auf “Die Federn auf seinem Barette”, dann weiter, auf den Bandelier, auf die Waffenkette und schließlich auf das Schwert. Da das Schwert die wichtigste Waffe eines Ritters ist, womit zum Teil auch seine Ehre symbolisiert wird, ist das ein wichtiger Moment, als die Nixe es ihm nimmt, ja aus der Scheide zieht. Das schalkhafte Blitzen ihrer Augen kann also sowohl dem einfachen Entdeckungslust gelten, als auch dem Bewußtsein, daß der Ritter ihr nun ganz ausgeliefert ist. In der fünften Strophe wird die uralte, immer wiederkehrende Sehnsucht aller Wasserfrauen nach dem “holden Menschenblüten” auch wortlich ausgesagt: “Oh, daß ich dein Liebchen wär'...”. Zu einer Berührung des Ritters kommt es aber erst in der sechsten Strophe, als eine Nixe ihm die Hand, eine Andere “Die Lippen und die Wangen” küßt. Die letzte Strophe klingt, wie die Moral einer Fabel: kurz und doch gesprächig: Der Ritter ist klug genug, um die Nixen mit dem Öffnen seiner Augen nicht zu erschrecken. Diese Moral ist aber auch eine schalkhafte, eine spielerische.

Das Auftreten der Nixen ist in diesem Fall kollektiv, wodurch sie auch viel harmloser erscheinen, als die einsame, dämonische Loreley. Die Verführung gilt hier vielmehr den Nixen, die von ihrer Sehnsucht und Neugier getrieben, dem Ritter immer näher treten, als dem Ritter, der das Ganze heimlich beobachtet und ganz selbstbewußt einfach geschehen läßt An ihrer Zögerung spiegelt sich auch wieder, daß sie es sind, für die das Unternehmen gefährlicher ausfallen kann. Die Nixengestalten sind hier Sinnbilder des Weiblichen und bedeuten für den Ritter nur eine nicht verdiente Verwöhnung, die er ihnen etwa stehlt, indem er den Schlaf vorspielt.

 

Von dem Loreleymotiv machten sich in der Folgezeit noch zahlreiche Dichter Gebrauch. Als Beispiel könnte ich das "Waldfräulein" /1843./ von Christian Freiherr von Zedlitz oder die Dichtung "Bruder Rausch" /1882./ von Wilhelm Hertz erwähnen.

Schließlich finden wir in Gerhart Hauptmanns Märchendrama "Die versunkene Glocke" /1896./ die Elementargeisterwelt stark vertreten.(vgl.19.) Hier werden einigermaßen auch die Grundsituationen des Fouquéschen Werks wiederholt (s. nächstes Kapitel).

Das spukhafte Leben der Natur wird in der Gestalt des Waldschrats und in der der Buschgroßmutter mit den zwergartigen Holzleutlein, Holzmänner und Moosweiblein repräsentiert. Das feuchte Element wird vom lüsternen und eifersüchtigen Nickelmann vertreten. All diese Wesen sind unzufrieden mit dem heutigen Weltläufe, sie haben eine starke Abneigung gegen das Läuten der Glocken, denn sie betrachten die Menschen als Eindringlinge in ihre Welt. Die Hauptheldin ist Rautendelein, ein elbisches Wesen in menschlicher Gestalt, die mit ihrer Schönheit Meister Heinrich, den Schmied, verblendet. Sein Liebesbündnis mit dem seltsamen Wesen verschafft ihm nicht nur Gesundheit, sondern auch die Begeisterung zu den höchsten künstlerischen Idealen, die aber trotz der Unterstützung des überirdischen Wesens für ihn unerreichbar bleiben, daher schlägt diese Verbindung zuletzt doch schlecht für den Sterblichen aus. (vgl. auch 19.)

 

 

 

Zum Schluß können wir behaupten, daß die Naturphilosophie, die im Ausgange des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur Wiederentdeckung der Elementargeister führte, der deutschen Dichtung einen guten Dienst geleistet hat. Die Beseeltheit des Alls hat in den Herzen der Romantiker feste Wurzeln gefaßt. Sie versuchten nun in den geheimen Sinn der Naturerscheinungen einzudringen und die elementaren Kräfte mit höher begabten Wesen in Verbindung zu bringen. "Ganz von selbst wurde so die Brücke zu den poesievollen Anschauungen früherer Jahrhunderte geschlagen, das Interesse an den schönen Dichtungen und Sagen längst vergangener Zeiten, die von dem Volksglauben an Elementargeister Zeugnis geben, erwachte wieder."(19.)