IV.

Grimmelshausen

 

Grimmelshausen, der Autor des bedeutendesten literarischen Dokuments der Barockzeit, zugleich der Vater des einzigen deutschen Barockromans, hat in seinem Simplizissimus Teutsch den Mummelsee mit den nassen Elementarwesen bevölkert.

Als ich angefangen habe, mich mit diesem Werk zu beschäftigen, fiel mir etwas Interessantes ins Auge, nämlich das Titelkupfer des Simplizissimus aus dem Jahre 1668 (s. nächste Seite), das eine Satyrengestalt mit Fischschwanz darstellt. "Diese mißgestaltete, menschliche und verschiedene tierische Züge verbindende Figur, die ein Buch voller Zeichen in Händen hält und Larven zu ihren Füßen liegen hat, hat viele, einander widersprechende Deutungsversuche ausgelöst"(21.). In einem Punkt stimmen sie aber alle überein, nämlich daß das Titelkupfer von Grimmelshausen entworfen oder zumindest angeregt wurde. Die Wahrscheinlichkeit dieser Annahme ist auch deshalb groß, weil das Kupfer die funktion einer Vorrede zu übernehmen scheint und wesentliche Hinweise zur Deutung des Romans und seiner Struktur in sich trägt. Die Figur ist eine für Grimmelshausens Zeitgenossen unmittelbar verständliche Anspielung auf die ,Satyre‘, “die auch ein Sinnbild der dualistischen Konstitution des Menschen ist, ein warnendes Sinnbild, das im Spannungsverhältnis steht zur Gottebenbildlichkeit, zu welcher der Mensch berufen ist.”(21.) Die im 17. Jh. verbreitete Theorie vom Ursprung der Satire war für dieses Verständnis wohl eine wichtige Voraussetzung. Man hat das Wort “Satyra” aus dem Wort “Satyris” abgeleitet, das die halb Mensch, halb Geißbock “Heydnischen Wald-Götter” bezeichnete, deren Gewohnheit war, “daß sie jedem Mänschen was jhm ubel anstunde / alle Laster und Untugenden / ungeschewt under gesicht sagten: und was sonst Niemand auß Forcht sagen dorffte oder sagen wolte / das thaten Sie / mit lächerlichen hönischen Geberden”. Die Geste des “Hörneraufsetzens” den die Satyrengestalt mit der linken Hand zeigt, ist auch eine gezielte Spott- und Verhöhnungsgeste, die in Schriften mit satirischer Grundhaltung besonders häufig auftritt und als “die traditionelle Spottgeste des Satyrs”(21.) gelten kann. Das Monstrum ist zugleich die Verkörperung des Fabelwesens, das Horaz in seiner ars Poetica schildert.

“Wollte zum Kopf eines Menschen ein Maler den Hals eines Pferdes fügen und Gliedmaßen, von überallher zusammengelesen, mit buntem Gefieder bekleiden, so daß als Fisch von häßlicher Schwärze endet das oben so reizende Weib: könntet ihr da wohl, sobald man euch zur Besichtigung zuließ, euch

das Lachen verbeißen, Freunde? Glaubt mir, Pisonen, solchem Gemälde wäre ein Buch ganz ähnlich, in dem man Gebilde, so nichtig wie Träume von Kranken, erdichtet, so daß nicht Fuß und nicht Kopf derselben Gestalt zugehören. (21.)

Hinter der Kritik des Horaz an dem Monstrum steckt die Forderung nach einer auf Naturnachahmung und Wahrscheinlichkeit gegründeten Literatur, die auch im 17. Jahrhundert, in der Theorie des hohen Romans dominiert hat. Die Satire hatte sich aber schon in der Antike von dem strikten Regelzwang befreit. Selbst Grimmelshausen gab in Bezug auf seinen "Satyrischen Pilgram" zu, daß es "ein werklichs Mischmasch / von lauter Fähl und Mängeln zusammen gestickelt"(20.) ist.

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Die Satyrengestalt auf dem Titelkupfer hat also mehr mit dem satirischen Stil des Simplizissimus, als mit halb Tier-, halb Mensch- Wesen zu tun. Immerhin ist es ein interessantes Beispiel dafür, wie unterschiedlich der Gedankeninhalt hinter der Darstellung solcher Wesen sein kann.

Die Mummelsee-Episode befindet sich im fünften Buch des "Simplizissimus". (Die Abbildung zeigt, wie sich die "Mummelsee-Kapiteln" in das Schema der Handlung einfügen.) Sie beginnt im zehnten Kapitel, mit der Aufzählung verschiedener Sagen, die Simplizissimus über den wunderbaren See von "etlichen Baursleut" gehört hat. (z.B.: "Einer sagte, wenn man ungerad, es seien gleich Erbsen, Steinlein oder etwas anders, in ein Nastüchlein binde und hineinhenke, so verändere es sich in gerad; also auch wenn man gerad hineinhenke, so finde man ungerad. Ein anderer, und zwar die meiste, gaben vor..." usw.)

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Die Quelle dieser Geschichten ist wahrscheinlich die volkstümliche Sagenliteratur, deren sich Grimmelshausen in seinem Roman oft bedient hat. In dem folgenden Kapitel begibt sich Simplizissimus selbst an das wunderbare Ort, um sich von der Wahrheit dieser Sagen zu überzeugen, an denen er auf Grund der Deutung des Namens "Mummelsee" glaubt: "Ich zwar sagte, der teutsche Nam Mummelsee gebe genugsam zu verstehen, daß es um ihn wie um eine Maskarade ein verkapptes Wesen seie." Er sieht hier "etliche Kreaturen im Wasser herumflattern, die [ ihn] der Gestalt nach an Frösch ermahnten"(V.11.). Als er die Wasserleute erblickt, spricht er einen Satz aus, der jedem, der Paracelsus gelesen hat, bekannt klingen muß: "wie seind die Wunderwerk des Schöpfers auch sogar im Bauch der Erden und in der Tiefe des Wassers so groß!"(V.11.) Der Prinz der Wasserleute gibt Simplizissimus einen wunderbaren Stein, mit dessen Hilfe er fähig ist, dem Wasservolk ins "Centro terrae" zu folgen. Grimmelshausen stellt den Wasserreich der Sylphen als eine utopische Gesellschaft dar, deren Voraussetzung die Freiheit von der Erbssünde ist. In diesem utopischen Reich herrscht eine vollkommene Ordnung und zugleich völlige Freiheit, seine Bewohner sind "keiner Sünd / und dannenhero auch keiner Straf / noch dem Zorn Gottes / ja nicht einmal der geringsten Krankheit unterworfen..."(V.13.) Diese scheinbare Vollkommenheit, wo der König keine Herrschaft ausübe, sondern allein "ihre Geschäfte dirigiere", hat aber den Preis des Mangels an einer Seele, wie wir dieses Gesetz seit Paracelsus schon kennen. Um so unverständlicher scheint ihnen das Verhalten der Menschen zu sein, die sich "durch die zeitliche und irdische Wollüste [...] der fröhlichen Anschauung deß Allerheiligsten Angesichts Gottes" berauben und sich "in die ewige Verdammnus"(V.14.) stürzen. Die sehnsüchtige Rede des Sylphen-Prinzen, der die Welt als einen "Probierstein Gottes" charakterisiert, betrifft in Wirklichkeit den Menschen, sein Versagen und seine Möglichkeiten: "Ach möchte unser Geschlecht an eurer Stell seyn / wie würde sich jeder befleissen / in dem Augenblick eurer nichtigen und flüchtigen Zeitlichkeit die Prob besser zu halten / als ihr / denn das Leben so ihr habt / ist nit euer Leben / sondern euer Leben oder der Todt wird euch erst gegeben / wenn ihr die Zeitlichkeit verläßt; das aber was ihr das Leben nennet / ist gleichsam nur ein Moment und Augenblick / so euch verliehen ist / GOtt darin zu erkennen / und ihme euch zu nähern / damit er euch zu sich nemmen möge [...]"(V.14.)

Die Tatsache, daß Grimmelshausen die Erbsündenlosigkeit zur Voraussetzung einer utopischen Ordnung macht, bedeutet auch, daß er dieselbe im menschlichen Bereich für unmöglich hält, da die Möglichkeit der Sünde hier nach dem Sündenfall schon für immer besteht. Diese christliche Grundauffassung, daß Vollkommenheit nichts Menschenmögliches sei, wird aber im Werk nicht unmittelbar, sondern durch das Gegenbild der Sylphengesellschaft ausgedrückt. Ihre Vollkommenheit hebt die Unvollkommenheit der Menschengesellschaft hervor. Zugleich ist in ihr ein Maßstab gesetzt, an dem sich der Mensch orientieren kann.

In der Parallele zwischen den beiden Gesellschaften, die Grimmelshausen in der Gegenüberstellung des utopischen Wasserreichs und der Vollkommenheit der Menschenwelt aufstellt, begegnen sich Utopie und Satire: "Es gibt keine Geitzige mehr / sondern Gesparsame; keine Verschwender / sondern Freygebige; keine Kriegs-gurgeln / so die Leut berauben und verderben / sondern Soldaten / die das Vatterland beschirmen; keine muthwillige faule Bettler / sondern Verächter der Reichtum / und Liebhaber der freywilligen Armuth; keine Korn- und Wein-Juden / sondern vorsichtige Leut / die den überflüssigen Vorrath auff den besorgenden künfftigen Nothfall vor das Volck zusammen heben." (V.15.) "Daß es sich um eine satirische Verkehrung handelt und die geschilderte Welt eine zwar ideale, doch im vergleich zur wirklichen Welt eine ,verkehrte Welt‘ darstellt, ist offensichtlich.”(21.) Es wird aber auch betont, z. B durch den Hinweis: "eben deßwegen [...] jetzund so schwäre Krieg auff Erden [sind] / weil je ein Theil vermeynt / das andere diene GOtt nicht recht”(V.15.)

Diese Parallele zwischen Utopie und Satire erscheint aber so, daß keiner von den beiden die andere in Frage stellt. Die Darstellung der "verkehrten" irdischen Welt ergänzt vielmehr die Beschreibung des Wasserreichs. Doch in beiden Fällen ist ein Ziel gesetzt, das wegen der menschlichen Grenzen zwar unerreichbar ist, dem man sich jedoch anzunähern versuchen sollte.

Grimmelshausens Beschreibung von den Wasserleuten entspricht an vielen Stellen der von Paracelsus, wofür ich schon einige Beispiele erwähnt habe. Die Übereinstimmung ist manchmal so groß, als ob das Paracelsische Werk dem Autor des Simplizissimus direkt vorgelegen hätte: "Wir sind keine Geister, sondern sterbliche Leutlein, die zwar mit vernünftigen Seelen begabt, welche aber samt den Leibern dahinsterben und vergehen." Sogar die wohl bekannte Vierteilung der Elemente kehrt im Werk wieder: "...weil sie Feuer, Wasser, Luft und Erde ohn einige Mühe und Müdigkeit (von deren sie gar nichts wüßten) durchgehen könnten." Es liegt also sozusagen die von Paracelsus gezeichnete Welt der Elementargeister in literarische Form

gegossen vor uns. Während aber bei Paracelsus die Zielsetzung die "wissenschaftliche" Darstellung der überirdischen Wesen war, wozu die christlichen Lehren als Zusatz und als Begründung hinzugefügt wurden, wird bei Grimmelshausen die Kritik an den menschlichen Verhältnissen, sowie die Erbauung als Hauptziel viel stärker akzentuiert.