III.

Paracelsus

 

Das folgende Kapitel beginnt mit einem Sprung in der Zeit, der etwa 280 Jahre umfaßt, da ich nun ein Werk aus dem 16. Jahrhundert darstellen möchte, das für die späteren Bearbeitungen des Undine-Stoffes maßgebend gewesen ist. Den von mir als ungefähr zentral angesehenen Pfad folgend, bin ich beim Lesen der Entstehungsgeschichte mehrerer Undine-Werke auf den Namen Paracelsus gestoßen. Seine Lektüre “Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandris et de caeteris spiritibus” ( = Buch über die Nymphen, Sylphen, Pygmäen, Salamander und die übrigen Geister) /1591./ enthält seine Lehren über die Elementargeister (unter ihnen auch die über die Wassergeister). Diese Lehren haben sich zu seiner Zeit vielleicht am weitesten verbreitet, und sie hatten auch die größte Wirkung auf die nachfolgenden Dichtergenerationen. “Wirkung” bedeutet hier aber nicht bloß einen Rückgriff auf eine alte, in Vergessenheit geratene Schrift. In den späteren Werken (z.B. bei Fouqué) scheinen die Paracelsischen Vorstellungen schon so selbstverständlich zu sein, daß die Autoren es oft gar nicht mehr für nötig halten, dem Leser über das Wesen dieser Elementargeister bzw. über die Gesetzmäßigkeiten ihrer Welt irgendwelche Auskunft zu geben. All das wird in fast allen Werken nach Paracelsus' Zeit als etwas Gegebenes angesehen. Ich nehme deshalb an, daß seine Lektüre als ein Grundwerk zu unserem Thema bezeichnet werden kann und als solches besondere Aufmerksamkeit verdient. Gerade wegen seiner großen Wirkung lohnt es sich, sein System kennenzulernen, deshalb möchte ich dieses Büchlein im folgenden in seinen Einzelheiten besprechen.

Paracelsus hat zwar keine belletristischen Werke geschaffen, aber die Anzahl seiner Lektüren und naturwissenschaftlicher Studien zeigt eine schriftstellerische Fruchtbarkeit, die auch in der Belletristik selten zu finden ist. Er hat zu einer Zeit geschaffen, als die Theologie, die Philosophie, die Naturwissenschaften und die Poesie aneinander noch viel näher gestanden haben, als heute. Das spiegelt sich auch an seinen Schriften wieder. In der oben genannten Lektüre schildert er uns die Welt der Elementargeister mit “wissenschaftlicher” Genauigkeit, zugleich mit sorgfältig ausgeführter theologischen und moralischen Aussage. Er hat sozusagen in großen Zügen eine Ethnographie der Elementargeister entworfen, die zum Teil auch dem herrschenden Volksglauben entsprach. Er bringt seine Vorstellungen in ein faszinierend gut funktionierendes System, wo alles seinen Platz hat und alles begründet ist, und zwar so, daß daran selbst die fromme Tendenz, die das geistige Leben damals bestimmt hat, nichts auszusetzen vermochte.

Zu welchem Zweck er sein Werk geschaffen hat, läßt er auch nicht unerklärt:

“So wisset denn weiter und verstehet, wozu ich dieses Buch anfange. Nicht daß ich von lieblichen Dingen und schönen Reden schreibe, aber von übernatürlichen Dingen, die des Wohlredens nicht bedürfen, sondern es das Geschwätz bleiben lassen, das es ist. [ . . . ] Denn wie ein Kranker eines Arztes bedarf, so bedürfen die Dinge eines Philosophen, so wie ein Christ seines Erlösers, so bedarf auch ein jedes Werk seines Meisters. [ . . . ] Denn es ist die Aufgabe des Menschen, die Dinge zu erfahren und nicht blind darin zu sein. [ . . . ] denn es ist nichts geschaffen, das dem Menschen nicht zu ergründen wäre [ . . . ] . Der Mensch ist mehr als die Natur. Er ist die Natur, er ist auch ein Geist, er ist auch ein Engel, alle Eigenschaften dieser drei hat er. [ . . . ] Nicht der Hurerei soll [ der Mensch] sich hingeben, nicht spielen soll er, [ . . . ] nicht Gut gewinnen noch Schätze sammeln für die Würmer, sondern seines Geistes, seines Lichtes, seiner Engelsart soll er sich bedienen. [ . . . ] Die Natur gibt ein Licht, wodurch sie aus ihrem eigenen Schein erkannt werden kann. Aber im Menschen ist auch ein Licht, außerhalb des Lichtes, das in der Natur geboren ist. Das ist das Licht, wodurch der Mensch übernatürliche Dinge erfährt, lernt und ergründet. [ . . . ] Nun ist ein solches Ding bei den Theologen nicht minder als ein Teufelsgespenst. Aber fürwahr, nicht bei den rechten Theologen. Was ist größer in der Schrift als nicht zu verachten, alle Dinge wohl zu ermessen und nichts unergründet verwerfen? [ . . . ] Der viel auf Erden erfährt und hört, der wird auch gelehrt sein bei der Auferstehung [...] Die Dinge werden alle offenbar werden, ehe der jüngste Tag kommt [ . . . ] . Dieser Zeit befehle ich auch das Urteil meiner Schriften an, daß nichts verborgen bleibe, wie es denn geschehen wird. Denn Gott macht das Licht offenbar, das heißt, ein jeder wird es sehen, wie es geleuchtet hat.”

Diese Gedanken zeigen sowohl die starke Berufung des Autors als Gelehrter, als auch seine Fähigkeit, seine Ideen ins christliche Weltbild hineinzupassen. Wir werden auch im folgenden sehen, daß er sein ganzes Ideensystem auf christliche Grundvorstellungen aufgebaut hat, obwohl es seinen philosophischen Talent stark in Anspruch genommen haben mag, da es sich im Werk um solche Wesen handelt, deren Existenz das Christentum entweder leugnet oder als heidnisch bezeichnet. Es gibt mehrere solche Erscheinungen in der Geschichte (wie wir es auch bei der Staufenberg-Sage gesehen haben), daß sich einst heidnische Sitten, Sagen oder Zeremonien im christlichen Weltbild angesiedelt haben. Wir müssen zugeben, daß Paracelsus' Lektüre, was eine derartige Einbettung der Gedanken in einen christlichen Rahmen betrifft, ein echtes Meisterwerk ist.

Paracelsus kann seine Vorstellungen über die Geisterwelt nicht beweisen, aber er hält das auch nicht für nötig: "nur haben wir kein Wissen über die Existenz dieser Dinge, doch das Empfinden, als käme uns das im Schlafe vor. [ . . . ] Und solche Offenbarungen geschehen selten, nur so oft es not tut, damit man daran glaube und sie für wahr halte [ . . . ] Nun aber, was das betrifft, daß sie nun offenbar werden sollen, so ist das von einem göttlichen Urteil abhängig." Das ist auch eine typische Gedanke aus der Zeit, als das Glauben (in erster Linie an den christlichen Lehren) dem wissenschaftlich begründeten Wissen gegenüber noch immer einen Vorrang hatte. Der Mangel an rationalen Argumenten konnte kompensiert werden durch die Behauptung, daß man daran "einfach glauben soll". Der religiöse Pathos des Glaubens reicht hier, die Lücken der wissenschaftlichen Erklärung zu überbrücken. Was aber wichtig ist: Die Elementarwesen werden bei Paracelsus trotz dieses Mangels an Beweisen nicht als Sagengestalten geschildert. Die wissenschaftliche Genauigkeit der Schilderung und die Anstrebung, die Notwendigkeit ihrer Existenz theologisch-philosophisch zu begründen, zeigt den unbedingten Wahrheitsanspruch des von ihm Dargestellten, und dadurch erfahren wir auch, wie ernst Paracelsus die Existenz der Elementargeister genommen hat.

Wie baut sich also die Sphäre der in den Elementen hausenden Geister auf? Paracelsus nennt vier “Geschlechter” der Geistmenschen: die Wasserleute (Nymphen oder Undina), die Bergleute (Pygmäi oder Gnomi), die Feuerleute (Salamandri oder Vulcani) und die Wind-, Luft- oder Waldleute (Sylphen oder Sylvestres). Diese Vierteilung der Elementen ist übrigens bereits bei den griechischen Philosophen zu finden. Es war schon im Altertum eine wichtige philosophische Frage, welches von ihnen früher zustande gekommen ist, d.h. aus welchem das Universum entstanden ist. Es ist also kein Zufall, daß Paracelsus gerade diese vier Sphären als den Wohnort der Geister nennt. Für das vierte Element, das Feuer mußte er selbst eine Geister-Kategorie schaffen, denn im Feuer lebende Geister gibt es im deutschen Volksglauben nicht. (Es gibt aber eine Vorstellung von den armen Seelen, die zur Strafe dafür, daß sie im Leben etwas Übles getan haben, in der Nacht umherwandeln müssen. Diese Vorstellung erscheint parallel mit der der Irrlichter.)

Es stellt sich die Frage, warum die Elementarwesen so vielerlei benannt werden und ob die Namenwahl beim Namen Undine motiviert sein könnte. Oder geschah sie willkürlich, und die Tradition hat den Namen später bewahrt? Paracelsus äußert sich zum Thema folgendermaßen: "Daß sie nun aber rechte Namen hätten, das ist nicht der Fall, sondern die Namen, die ich hier vorbringe, sind von denen gegeben worden, die sie nicht erkannt haben. Da sie aber diese Dinge bedeuten, und durch diese Namen verstanden werden können, lasse ich es auch dabei bleiben [...]" Obwohl er mit der Terminologie unzufrieden zu sein scheint, folgt er also einer Tradition, die zu seiner Zeit wahrscheinlich allgemein bekannt war.

Was die Bedeutung des Namens Undine betrifft, teilen sich die Meinungen. Die Mehrheit sagt, daß sie auf das lateinische Wort unda ( = Welle ) zurückzuführen ist. Wenn wir in Betracht ziehen, daß auch die anderen Namen in der Vierteilung die "Regiones" in sich tragen (z.B. Vulcanus = Feuer; pygmaeus = Zwerg; silvestris = Wald), scheint das von großer Wahrschein-lichkeit zu sein. Trotzdem gibt es auch solche Meinungen, daß diese Ableitung "wohl eine Konstruktion"(13.) ist. Ich bin der Meinung, daß die Wahl eines so seltsamen Namen auf keinen Fall willkürlich sein kann, auch wenn die Quelle nicht mit voller Gewißheit zu bestimmen ist.

Nach Paracelsus sind die Elementargeister eine Art von Mischtyp zwischen Geist und Mensch. "Wiewohl sie beides sind, Geist und Mensch, so sind sie doch keines von beiden." Er nennt sie deshalb nicht Geister, sondern "Kreaturen". Es gibt wesentliche Unterschiede zwischen diesen drei Geschlechtern (s. Abbildung):

Die Geister sind körperlos und unsterblich, die "Kreaturen" "unterscheiden sich aber dadurch von den Geistern, daß sie Blut und Fleisch und Gebein haben. Dabei gebären sie Kinder und haben Früchte, reden und essen, trinken und wandeln, welche Dinge die Geister nicht tun.”

 

 

Geist

“Kreatur” (=Elementargeist)

Mensch

sterblich

+

+

hat Fleisch und Blut

+

+

hat eine Seele

+

kann Kinder haben

+

+

kann verschwinden

und durch die Mauer gehen

+

+

sein “Chaos” ist “subtil” (s) oder grob (g)

s/g

s/g

s

sein Fleisch ist “subtil” oder grob

s

g

Unterschiede zwischen Geist, Geistmensch und Mensch im Paracelsischen System

 

Der Körper, den sie haben, ist aber ein anderer, als der des Menschen. Sie sind uns zwar ähnliche Wesen, "die wir für Menschen, jedoch nicht als Nachkommen Adams ansehen, sondern als andere Geschöpfe [ . . . ] . Vom Fleisch ist zu verstehen, daß es zweierlei Fleisch gibt, das Fleisch von Adam her und das Fleisch, das nicht von Adam her stammt. [Das eine] ist ein grobes Fleisch, denn es ist irdisch und sonst nichts als Fleisch, das man binden und fassen kann, wie ein Stück Holz oder Stein. Das andere [...] ist ein subtiles Fleisch und das ist nicht zu binden noch zu fassen, denn es ist nicht aus der Erde gemacht. [...] Diese ist kompakt, so daß der Mensch nicht [...] durch eine Wand hindurch kann [...]. Aber [jene], dem weicht das Gemäuer.”

Außer ihrem Körperbau unterscheiden sich die "Kreaturen" (und auch die Geister) in einem wesentlichen Eigenschaft von uns, Menschen, und das ist die Seele. Sie haben nämlich keine, und das bedeutet für sie, daß sie, im Gegensatz zu einem "vor Gott und durch Gott" erlösten Christen, keine Möglichkeit zu einem ewigen Leben nach ihrem Tod haben. Paracelsus formuliert es so: sie "sterben mit dem Vieh”. Diese Tatsache determiniert ihr Verhältnis zu den Menschen. Sie können nämlich nur dann zu einer Seele gelangen, wenn sie Menschen heiraten. Mit Paracelsus' Worten:

“So ist es mit den Wasserleuten, sie kommen aus ihren Gewässern heraus zu uns, lassen sich kennenlernen und handeln und wandeln mit uns, gehen wieder fort in ihr Wasser, kommen wieder, das alles, damit der Mensch Gottes Werke betrachte. Nun sind sie zwar Menschen, aber nur im Tierischen (Sinne) ohne Seele. Darauf folgt nun aber, daß sie mit den Menschen verheiratet werden können, also daß eine Wasserfrau einen von Adam stammenden zum Manne nimmt, mit ihm Haus hält und ihm Kinder gebärt. Was nun die Geburt der Kinder betrifft, so wisset nun, daß sie dem Manne nachgeraten. [ . . . ] Nun aber ist auch das mit rechtem Wissen zu erfassen, daß auch solche Frauen eine Seele empfangen dadurch, daß sie vermählt werden. Also daß sie wie andere Frauen vor Gott und durch Gott erlöst sind. Denn das wird auf mancherlei Art erprobt, daß sie nicht ewig sind und daß sie aber den Menschen verbunden ewig werden, das heißt, beseelt werden, wie der Mensch. [ . . . ] So geben sie ein Beispiel, daß sie ohne den Menschen Tiere sind und also wie sie sind, so ist der Mensch ohne göttliches Bündnis nichts."

Damit kann erklärt werden, warum diese Kreaturen die Gesellschaft der Menschen suchen. ("Daraus folgt nun, daß sie um den Menschen buhlen und sich mit ihm vertraut machen.") Ich glaube, dieses "Gesetz" ist der Schlüssel dazu, warum die Nixen immer als Sinnbilder des Erotischen und des Dämonischen und zugleich mit sehr weiblichen Eigenschaften versehen erscheinen. Sie werden von dem Zwang getrieben, in die Nähe der Menschen zu kommen, sie zu verführen, und sie setzen im Interesse ihrer Beseelung ihre ganze Kraft, sogar überirdische Praktiken ein.

In ihren übrigen Eigenschaften sind die Elementargeister den Menschen ähnlich. Paracelsus stellt das ziemlich detailiert dar: er erzählt von ihrer Kleidung, Essen, Trinken und Krankheiten. (Da er selbst Arzt war, durfte das letzte natürlich nicht ausbleiben: "Daraus folgt nun, daß sie Pestilenz, Fieber, Pleuresis und alle Krankheiten des Himmels haben...") Sogar von ihrer Gesellschaft berichtet er, die eine "von Natur angeborene" Obrigkeit und Hierarchie hat.

Interessant ist noch, wie er sich die vier Sphären der Geistmenschen vorstellt
(s. Abbildung auf der nächsten Seite).
graph1.jpg (753802 Byte)
Er meint, sie sind genauso eingerichtet, wie unsere Welt, nur das "Chaos", das ihnen als Lebensraum dient, ist verschieden. "Denn im Chaos lebt ein jedes Ding, wohnt im Chaos, geht und steht darin [ . . . ] . Und wenn das Chaos zu grob ist, so ist die Kreatur desto subtiler. [ . . . ] . Wie das Wasser des Fisches Luft ist und der Fisch nicht ertrinkt, so ertrinkt auch der Unda nicht. [ . . . ] . Denn ein jeder bleibt in seinem Chaos gesund, in einem anderen stirbt er." Jedes Chaos hat einen Boden und einen Himmel. Der Mensch und die Windleute haben die Erde als Boden, die Luft als Lebensraum und den Himmel über sich. Die Feuerleute die Erde, das Feuer und die Luft, während die Wasserleute die Erde, das Wasser und die Luft. Die Schlußfolgerung, die er daraus zieht, finde ich ganz interessant, nämlich daß die Bergleute, die in der Erde leben, das Wasser als Boden haben müssen, "Das heißt, die Erde steht im Wasser." Die Selbstverständlichkeit, mit der er das äußert, hat mich auf den ersten Blick zum Lächeln gebracht, aber ich kann mir vorstellen, daß seine Tapferkeit in dieser Aussage damit zu erklären ist, daß diese Ansicht damals ohne weiteres anzunehmen war.

Es gibt noch einige interessanten Einzelheiten, die ich nun aufzählen werde. Paracelsus berichtet über einige Unter- oder Zwischentypen unter den Elementargeistern. Sie sind eine Art von Mißgeburt ("Monstra"), deshalb sind sie auch nicht fruchtbar.

Solche sind unter den Wasserleuten die Sirenen, die auf dem Wasser schwimmen, weil sie vom Wasser ausgestoßen werden und unter denen "etliche [ . . . ] singen können, etliche pfeifen auf Röhren" (Das kann eventuell das seit den Griechen bekannte Urbild der in späteren Werken erscheinenden singenden, sich auf einem Fels kämmenden Sirene, der Loreley sein) Unter den Nymphen kann man noch "Mönche" und Melusinen finden, von denen die ersteren "in gleicher Weise geformt wie ein Mönch" sind, letzteren eine besondere Art der Nymphen bilden, deren "Ansammlung" Venusberg genannt wird. Sie leben nicht im Wasser, sondern im Menschenchaos. Sie erreichen ein hohes Alter, sehen jedoch ewig jung aus. Sie sind "bedeutender als die anderen", haben auch lange die Welt der Undinen regiert, sind aber ausgestorben.

 

Diesen "Mißgeschöpfen" entsprechen bei den Feuerleuten die Irrlichter ("Zundeln"), bei den Bergleuten die Riesen und Zwerge. Über ihre Funktion schreibt Paracelsus nur soviel, daß sie "etwas Neues ankündigen", und zwar etwas Schlechtes. Sie sind Gottes Warnzeichen für die Menschen: Vorboten von elementarer Unglücksfälle und Schäden.

Im paracelsyschen System sind die Wasserleute uns am ähnlichsten. (Das zeigt sich auch an ihrem Körperbau: die Sylvestres sind rauher, gröber, länger und stärker, die Bergleute ganz klein, die Salamander lang, schmal und dürr, nur die Wasserleute sehen den Menschen ähnlich aus.) Sie können sowohl männlich als auch weiblich sein, wobei zu bemerken ist, daß es unter ihnen mehr Frauen als Männer gibt. (Liegt diese Ansicht vielleicht an dem patriotischen Weltbild der Zeit? Oder konnte sich Paracelsus die Vermählung zwischen einem Wassermann und einer irdischen Frau nicht vorstellen, da die Kinder in diesem Fall dem Vater ähnlich, d.h. seelenlos geboren worden wären? Die Frage ist schwer zu beantworten...) Für die Nymphen oder Undinen ist das Wasser durchsichtig, sie können also die Sonne sehen. Alle ihre Wünsche erfüllen sich, ohne dafür arbeiten zu müssen. Im Gegensatz zu den Wald- und Feuerleuten können sie auch sprechen. Sie sind "dem Menschen besonders treu und geneigt", während die Feuerleute oft "vom Teufel besessen" sind. In jeder Hinsicht sind sie am meisten geeignet, sich den Menschen zu nähern. Von Zeit zu Zeit kommen sie zu uns, "sitzen am Gestade der Bäche, wo sie dann ihre Wohnung haben, wo sie dann gesehen, genommen, gefangen und vermählt werden, wie es oben steht." Als Frauen sind sie vielleicht noch besser, als die irdischen, aber es gibt eine wichtige Regel: "So sehr aber sind sie verpflichtet und verbunden, daß sie vom Menschen nicht fortkommen können, nur wenn sie Ursache dazu haben, und das geschieht an solchen Orten, woher sie kommen. [ . . . ] Wenn einer eine Nymphe zum Weibe hat, so lasse er sie zu keinem Wasser kommen, noch beleidige er sie auf dem Wasser [ . . . ] , denn da gehen sie ihm verloren. [ . . . ] Wenn sie vom Manne erzürnt werden, auf dem Wasser und dergleichen, so geschieht nichts anderes, als daß sie ins Wasser fallen und niemand findet sie mehr." Das ist eigentlich das Tabu, das zum Motiv der gestörten Mahrtenehe "obligatorisch" gehört. Wenn die Undine ins Wasser zurückkehrt, ist damit die Ehe zwischen ihr und dem irdischen Mann aber noch nicht geschieden. Daraus folgt, "daß er kein anderes Weib nehmen soll. Denn wo das geschieht, so wird er sein Leben darum geben müssen und nie mehr an die Welt kommen. Paracelsus meint, sie erscheint am jüngsten Tag wieder, aber vor dieser Zeit gibt es für die beiden kein Wiedersehen. Das Verbot der zweiten Ehe erscheint hier - im Gegensatz zur Staufenberg-Sage - nicht aus dem Grund, weil die Nixe, als heidnisches Wesen, selbst aus der Zeremonie der christlichen Eheschließung ausbleiben muß, sondern ganz im Gegenteil: damit ihre Ehe nicht gebrochen wird. Das zeigt, wie die ursprünglich heidnische Sage allmählich christliche Züge aufzuweisen beginnt, während alles, was nicht fromm und sittlich ist (wie eine Liebesbeziehung ohne Ehe), aus der Geshcichte verschwindet.

Diese Gesetzmäßigkeiten (Eheverbot, Rückkehr ins Wasser, Todesstrafe für die Untreue) spielen in der Undine-Literatur die größte Rolle. Sie bestimmen den Hauptkonflikt in den Werken und bilden einen der wichtigsten Gründe, warum in den Werken die irdische Sphäre mit der der Wasserfrauen nicht vereinbar ist. Besonders Fouqué (19. Jh.) hat das Paracelsische Bild der Meerjungfrau in seiner Ganzheit in sein Werk integriert, worüber ich aber erst später schreiben möchte.

Es gibt auch einige Einzelheiten, die aus Paracelsus' Beschreibung fehlen. Er sagt z.B. nichts von der zauberischen Schönheit der Nixen und von ihren Verführungskünsten, von der Lieblichkeit der Luftgeister usw., welche Eigenschaften in den literarischen Bearbeitungen von großer Bedeutung sind.

Man muß auf jeden Fall zugeben, daß die von Paracelsus dargestellte Geisterwelt ein mit der Logik eines Naturwissenschaftlers aufgebautes, fast perfektes System ist. Es fehlt vom Ende auch die moralische Lehre nicht, nämlich daß diese Kreaturen dazu da sind, damit wir wissen, daß wir "nicht allein sind, oder Gott darin zwingen könnten. Kann er das eine, so kann er das andere auch. Drum kann er Menschen machen sieben Schuh lang, so kann er sie auch zwanzig oder dreißig Schuh lang machen." Er zitiert den Spruch "des Johannes Baptista", als er den Juden darüber spricht, daß Gott Abrahams Volk untergehen und ein neues entstehen lassen kann, wenn er will. Dieser Teil der Bibel wird meistens so interpretiert, daß die Juden nicht so stolz (auf ihre Auserwähltheit) sein und nicht sündigen sollen. Paracelsus interpretiert ihn aber ohne weiteres als einen Beweis dafür, daß außer dem Menschen auch andere Geschöpfe auf der Erde existieren. (Auf jeden Fall ist das ein aufschlußreiches Beispiel dafür, was für unterschiedliche Meinungen mit denselben Bibelzitaten erklärt werden können...)

Immerhin, von der Wende des 16.-17. Jahrhunderts an scheinen sich diese Lehren unter seinem Namen durchgesetzt zu haben, auch wenn die Frage schwer zu beantworten ist, wie sich in seinem Werk vorliterarische Überlieferung, Entlehnung und persönliche Erfindung abgrenzen.