Undine, liebes Bildchen du,
Seit ich zuerst aus alten Kunden
Dein seltsam Leuchten aufgefunden,
Wie sangst du oft mein Herz in Ruh!

Wie schmiegtest du dich an mich lind
Und wolltest alle deine Klagen
Ganz sacht nur in das Ohr mir sagen,
Ein halb verwö hnt, halb scheues Kind.

Doch meine Zither tö nte nach
Aus ihrer goldbezognen Pforte
Jedwedes deiner leisen Worte,
Bis fern man davon hö rt' und sprach.

Und manch ein Herz gewann dich lieb,
Trotz deinem launisch dunklen Wesen,
Und viele mochten gerne lesen
ein Büchlein, das von dir ich schrieb.

Heut wollen sie nun allzumal
Die Kunde wiederum vernehmen.
Darfst dich, Undinchen, gar nicht schä men!
Nein, tritt vertraulich in den Saal.

Grüß sittig jeden edlen Herrn,
Doch grüß vor allen mit Vertrauen
Die lieben, schönen deutschen Frauen;
Ich weiß , die haben dich recht gern.

Und fragt dann eine wohl nach mir,
So sprich: "Er ist ein treuer Ritter,
Und dient den Fraun mit Schwert und Zither,
Bei Tanz und Mahl, Fest und Turnier."

/ Fouqué/

Vorwort

... oder Selbstbekenntnis:

Man tritt eine lange Reise an, wenn man Undines Geist beschwört. Die Gestalt der kleinen Nixe, die die meisten von uns seit ihrer Kindheit aus den
Märchenbüchern kennen, scheint auf den ersten Blick zerbrechlich und unbedeutend zu sein, aber die Suche nach ihr auf den Seiten verschiedenster alten und neuen Büchern ist genauso, wie sie selbst: der Stoff lockt den arglosen Interessenten näher und näher, und zeigt seine Tiefen erst nachdem man schon verloren, das heißt, verliebt ist. Es mag vielleicht sentimental klingen für eine wissenschaftliche Arbeit, aber genau das ist mir passiert, als ich vor fünf Jahren das erste Mal zufällig der Figur Undines in einer modernen Novelle begegnet bin. Es war für mich unmöglich, an ihr einfach gleichgültig vorbeizugehen. Sie, eine literarische Figur, hatte eine Aura, wie ein Lebewesen...


Woher dieser Zauber? Als ich zum ersten Mal darüber nachgedacht habe, stellte ich überrascht fest, daß ihre Charakterzüge sich teilweise mit den meinigen decken, als hätte ich in einen seltsamen Spiegel gesehen. Später stellte sich heraus, daß "die lieben schönen deutschen Frauen" - wie Fouqués Gedicht, das ich zum Motto meiner Arbeit gewählt habe, bestä tigt - auch schon immer etwas "Vertrautes", Gemeinsames mit ihr hatten. Ist sie etwa die Verkörperung eines geheimen Teils in jedem von uns? Spricht sie jeden so an, wie sie mich angesprochen hat?

Diese waren die ersten Fragen, die mich veranlaßt haben, der Verlockung nachzugeben und nach ihr in die deutsche Literatur zu tauchen. Und wie die Ärzte am Anfang der Geschichte der Medizin, habe ich oft mit mir selbst, mit meinen eigenen Emotionen experimentiert, um die Antwort zu finden. Ich versuchte bei den Autoren, die von der kleinen Meerjungfrau geschrieben haben, den Moment, das Motiv, den Punkt zu finden, wo sie in Undines Bannkreis getreten sind: wo es bei ihnen ähnlich oder unterschiedlich passiert ist, wie bei mir. Außerdem hat mich auch interessiert, wie sie ihren Charakter erlebt und dargestellt haben. Auf dem Weg nach diesen Geheimnissen begegnete ich - teilweise zufällig, fast wie eine Fü gung des Schicksals - auch sehr vielen interessanten Einzelheiten, die die Wurzeln des Stoffes noch mehr abzweigen, und meine Begeisterung dafür gleichzeitig steigen ließen. Damit mußte ich natürlich (und leider) aufgeben, diesen Wurzeln in ihrer Ganzheit nachzuforschen. Ich mußte mich damit begnügen, einzelne Beispiele hervorzuheben. Trotz vieler offenen Fragen und unbehandelt gebliebenen Werken habe ich versucht, das Gefundene mit dem persönlich Erlebten in Einklang zu bringen. Ich weiß, diese Zielsetzung ist subjektiv, und man kann deshalb nur subjektiv beurteilen, inwieweit es mir gelungen ist, dieses Ziel zu erreichen. Eines ist aber gewiß .: Was auch immer auf den folgenden Seiten zu lesen ist, ist ein Teil von mir.

I.

Der Ursprung

 

Am Anfang jeder Geschichtsforschung hat man im allgemeinen den Wunsch und die Zielsetzung, der Geschichte des Forschungsobjekts bis zur tiefsten Wurzel, der Urquelle zu folgen. Später stellt sich oft heraus, daß die Anfänge sich im Nebel der schriftlosen Vergangenheit verlieren oder sich in dem Maße verzweigen, daß sie nicht mehr auf eine einzige Quelle zurückzuführen sind.

Wenn wir das Motiv der Meerjungfrau betrachten, läßt sich behaupten, daß das Obengesagte auch hier zutrifft. Das Wasser, dieses widerspruchsvolle Element, “die Wiege des Lebens”, “ohne das der Mensch nicht leben, in dem er aber auf die Dauer auch nicht überleben kann, [ ist] uns also nah und gleichzeitig fern.”(15.) Kein Wunder, daß es die Phantasie des Menschen vom Anfang an beflügelt hat. Bereits der Urmensch und die primitivsten Naturvölker haben die für sie unverständlichen Erscheinungen der Natur in ihrem Bewußtsein nach ihrem eigenen Bild geformt, d.h. personifiziert. Daraus entstand die Welt der verschiedensten Gottheiten, Dämonen und Geister: die Mythologie. Da der Mensch immer in der Nähe des Wassers war, wurde es zu dem am häufigsten vergöttlichten Element.

Demgemeß sind Wassergeister in der Mythologie aller Völker und Religionen zu finden. Denken wir nur daran: sogar das Christentum, das keine polytheistische Religion ist, schreibt dem Wasser eine heilige Rolle zu, und zwar in der Zeremonie der Taufe, die das Bündnis zwischen Gott und Mensch symbolisiert. Ein anderes Beispiel: Zahlreiche Völker haben einen heiligen Fluß, wie den Nil in Ägypten, den Jordan in Israel oder den Ganges in Indien. Diese werden wahrscheinlich deshalb verehrt, weil sie die Grundlage der Landwirtschaft bilden, und ihre unberechenbare Wassereergiebigkeit damals nur mit der Gut- oder Schlechtgesinntheit der jeweiligen Wassergottheit erklärt werden konnte. Die Seeschiffahrt war in den früheren Zeitaltern ebenfalls ein gefährliches Unternehmen, wo man dem “nassen Element” viel mehr ausgeliefert war, als heute. Man hatte wiederum das Gefühl, daß man die im Wasser hausenden überirdischen Kräfte bei Laune halten muß, um das gewünschte Seemannsglück zu erlangen. Unter der Erde, in der Luft, in den Flüssen und Meeren, ja selbst im Feuer sah man Geister umherwandeln, überall, wo die geheimnisvollen Wirkungen der Natur zum Nutzen oder Schaden der Erdbewohner ins Dasein traten, bevölkerte der naive Sinn, die schaffende Phantasie des Volkes die Natur mit solchen Wesen. Neben den Göttern kannte man eine ganze Reihe niederer Dämonen, die man unter dem Namen Wichte und Elben zusammenfaßt. Zur Zeit des untergehenden Heidentums nahm besonders der Kultus dieser niederen Geister stark zu. In christlicher Zeit traten im Volksglauben an Stelle der dämonischen Mächte des Heidentums allmählich entweder die aus dem Himmel verstoßenen Engel oder die Geister der Abgeschiedenen.(vgl.:19.) All diese Beispiele zeigen, daß die Bevölkerung des Wassers mit verschiedenen Wassergeistern eine mit der Menschheit fast gleichaltrige Idee ist. Was ich unter dem Stichwort “Wassergeist” im Lexikon gefunden habe, entspricht auch meiner Aussage: “in manchen Religionen (oft auch im Volksglauben) Geister bzw. Gottheiten, die Macht über das Wasser haben, z.T. auch in ihm leben. Hierzu zählen der sumer. Gott Enki. dem der babylon. Ea entspricht, der griech. Meeresgott Poseidon, die iran. Anahita, der kelt. Manannán mac Lir, der finn. Ahti.
W. treten meist kollektiv in Erscheinung, wie die ind. Apsaras, die griech. Wassernymphen, die Rusalki der Weißrussen und Ukrainer. Die Vorstellung von Wassermännern und Wassermüttern ohne bestimmte Namen ist weit verbreitet; sie sind oft von dämon. Natur und den Menschen feindlich gestimmt. W. treten auch als Sagengestalten auf, z.B. als Meerweiber oder Brunnengeister, die dem nährenden, reinigenden und heiligen Wesen des Wassers entsprechend, meist weibl. sind.”
(13.)

Wie wir sehen, sind die Urbilder unserer Undine vielerorts zu finden. Das Motiv hat also keine als einzig zu betrachtende Urquelle. Die verschiedenen germanischen Stämme bildeten je nach der natürlichen Beschaffenheit der Gegend, wo sie siedelten, diese oder jene elbische Art besonders aus. Dieser Gestalten der Welt der Nixen und anderen Elementargeister bemächtigte sich schließlich das Volk in Dichtung und Sage, was zu vielen Variationen desselben Stoffes geführt hat. Trotz der vielen Abzweigungen läßt sich aber ein zentraler Pfad, ein zentrales Ideengut bestimmen, worauf sich die meisten späteren Werke beziehen. Ich versuchte in meiner Arbeit vor allem solche Schriften zu finden, die aufeinander gewirkt haben könnten und sich dadurch diesem Zentrum nähern.